Das Bundesamt für Energie hat am 14. Juli 2026 die Referenz-Marktpreise für das zweite Quartal publiziert. Für Solarstrom lag der Quartalswert bei 3.9 Rp./kWh, im April allein bei 2.3 Rp./kWh. Im selben Jahr bezahlt der Medianhaushalt 27.7 Rp./kWh für Strom aus dem Netz. Diese Lücke stellt die alte Faustregel infrage, wonach ein Solardach zwingend nach Süden zeigen muss. Kurze Antwort: Bei gleicher Anlagengrösse liegt Süden weiterhin vorn, aber knapper als der reine Ertragsvergleich vermuten lässt. Und sobald die Dachfläche die Grenze setzt, kippt das Ergebnis zugunsten von Ost-West.
Was die Ausrichtung an Ertrag kostet
Für ein Dach in Zürich mit 30 Grad Neigung und 14 Prozent Systemverlusten ergeben sich im langjährigen Mittel folgende Jahreserträge pro Kilowatt-Peak:
- Süden, 30 Grad: 1'143 kWh/kWp (die Referenz, 100 Prozent)
- Südost 1'075 kWh/kWp und Südwest 1'086 kWh/kWp, also 94 bis 95 Prozent
- Osten 916 kWh/kWp und Westen 929 kWh/kWp, im Mittel 922 kWh/kWp oder rund 81 Prozent
- Flachdach ohne Aufständerung: 973 kWh/kWp
- Norden, 30 Grad: 649 kWh/kWp, nur noch 57 Prozent
Zwei Dinge fallen auf. Erstens ist die Toleranz gegen Süden gross. Wer sein Dach um 45 Grad nach Südost oder Südwest gedreht hat, verliert bloss 5 bis 6 Prozent. Als besonders geeignet gilt jede ganzjährig unbeschattete Fläche, die nicht mehr als 45 Grad von Süden abweicht. Zweitens sind die rund 19 Prozent Ertragseinbusse bei Ost-West kein Drama. Ein Norddach dagegen bleibt auch 2026 keine ernsthafte Option.
Die Neigung wirkt schwächer als viele erwarten. Zwischen 30 und 45 Grad ist der Jahresertrag auf einem Süddach praktisch identisch. Bei Ost-West-Flächen bringt flacher sogar mehr, weil die Module dann morgens und abends länger Licht bekommen.
Der Tagesverlauf: ein Buckel gegen zwei
Der eigentliche Unterschied steckt nicht in der Jahressumme, sondern in der Stunde. Ein Süddach produziert eine schmale, hohe Spitze um die Mittagszeit. Ein Ost-West-Dach produziert zwei flachere Buckel, einen am Morgen von der Ostseite, einen am späten Nachmittag von der Westseite.
Für einen typischen Julitag in Zürich sieht das so aus, gerechnet pro Kilowatt-Peak installierter Leistung: Um 08.00 Uhr liefert das Süddach 0.13 kW, die Ost-West-Anlage 0.20 kW. Um 14.00 Uhr steht Süden bei 0.60 kW und Ost-West bei 0.50 kW. Um 19.00 Uhr kehrt sich das Bild: Süden liefert noch 0.09 kW, Ost-West 0.17 kW, also fast das Doppelte.
Über das ganze Jahr gerechnet fallen beim Süddach 52.6 Prozent der Produktion in das Fenster zwischen 11.00 und 15.00 Uhr, bei Ost-West nur 47.8 Prozent. Nach 17.00 Uhr liefert das Süddach 9.4 Prozent seiner Jahresmenge, Ost-West 13.0 Prozent. Vor 9.00 Uhr sind es 2.7 gegen 5.3 Prozent. Die Spitzenleistung sinkt von 0.91 kW pro kWp auf 0.69 kW, ein Viertel weniger.
Diese Verschiebung ist der ganze Punkt. Sie holt Produktion aus den Stunden, in denen Solarstrom fast nichts wert ist, und legt sie in die Stunden, in denen ein Haushalt tatsächlich Strom braucht.
Warum die Mittagsspitze fast nichts mehr einbringt
Seit dem 1. Januar 2026 gilt schweizweit ein harmonisierter Preis für erneuerbare Elektrizität, wenn sich Netzbetreiber und Produzent nicht auf eine Vergütung einigen. Massgebend ist nach Artikel 15 des Energiegesetzes der vierteljährlich gemittelte Referenz-Marktpreis zum Zeitpunkt der Einspeisung. Das Bundesamt für Energie berechnet ihn als Durchschnitt der Börsenpreise für den Folgetag, gewichtet nach der tatsächlichen viertelstündlichen Einspeisung der jeweiligen Technologie.
Diese Gewichtung ist der Kern des Problems für Süddächer. Weil die Schweizer Photovoltaikflotte fast synchron produziert, wird der Preis genau dann gemessen, wenn alle gleichzeitig einspeisen. Das Ergebnis für 2026: 10.27 Rp./kWh im ersten Quartal, aber nur 3.90 Rp./kWh im zweiten. Der Monatswert im April lag bei 2.30 Rp./kWh, im Mai bei 3.58 und im Juni bei 5.59 Rp./kWh. Die Details stehen in unserer Auswertung zum Referenz-Marktpreis für das zweite Quartal 2026 aufgeschlüsselt.
Vor dem völligen Absturz schützt die Minimalvergütung. Für Anlagen bis 30 kW liegt sie bei 6 Rp./kWh, darüber sinkt sie nach der Formel 180 geteilt durch die Leistung in Kilowatt bis auf 1.2 Rp./kWh bei 149 kW. Für ein Einfamilienhaus heisst das: In den Sommerquartalen greift praktisch immer der Minimalsatz, weil der Marktwert darunter liegt.
Ab 2027 wird die Vergütung zeitlich noch feiner aufgelöst und richtet sich nach dem Marktwert im Moment der Einspeisung, wie wir im Beitrag zur Solarstrom-Vergütung ab 2027 beschrieben haben. Die Richtung ist eindeutig: Wer mittags einspeist, bekommt weniger. Wer morgens und abends produziert, bekommt mehr.
Das Rechenbeispiel: 10 kWp Süd gegen 10 kWp Ost-West
Ein Einfamilienhaus in der Region Zürich, Jahresverbrauch 8'500 kWh aus 4'500 kWh Haushaltsstrom und 4'000 kWh für eine Wärmepumpe. Beide Varianten haben 10 kWp und 30 Grad Neigung, keinen Speicher. Wir rechnen mit 27.7 Rp./kWh Bezugspreis und 7 Rp./kWh Einspeisevergütung im Jahresmittel, was der Mischung aus Minimalsatz im Sommer und höherem Marktpreis im Winter entspricht.
Variante Süd: Die Anlage produziert 11'435 kWh. Davon fliessen 3'275 kWh direkt in den Eigenverbrauch, das sind 28.6 Prozent. 8'160 kWh gehen ins Netz. Der jährliche Nutzen beträgt CHF 907 an ersparten Netzkosten plus CHF 571 aus der Einspeisung, zusammen CHF 1'478.
Variante Ost-West: Die Anlage produziert nur 9'223 kWh, also 19 Prozent weniger. Aber 3'407 kWh davon werden selbst verbraucht, das sind 36.9 Prozent. Trotz der kleineren Produktion liegt der Eigenverbrauch in absoluten Kilowattstunden also höher als bei der Südanlage. 5'816 kWh gehen ins Netz. Der Nutzen: CHF 944 ersparte Netzkosten plus CHF 407 Einspeisung, zusammen CHF 1'351.
Die ehrliche Bilanz: Süden gewinnt, aber nur mit CHF 127 pro Jahr oder 8.6 Prozent. Aus 19 Prozent Ertragsvorsprung werden weniger als 9 Prozent Geldvorsprung. Wer behauptet, Ost-West schlage Süd bei gleicher Grösse, rechnet zu optimistisch. Wer sagt, ein Ost-West-Dach lohne sich nicht, liegt genauso falsch.
Wenn die Dachfläche entscheidet, kippt das Ergebnis
Ein Satteldach hat zwei Flächen. Steht der First in Ost-West-Richtung, zeigt die eine Hälfte nach Süden, die andere nach Norden. Nutzbar ist praktisch nur die Südseite. Steht der First in Nord-Süd-Richtung, zeigt die eine Hälfte nach Osten, die andere nach Westen. Beide Flächen sind belegbar.
Das verdoppelt die installierbare Leistung. Wo auf dem Südhaus 10 kWp Platz finden, sind es auf dem Ost-West-Haus 20 kWp. Mit demselben Verbrauchsprofil produziert die 20-kWp-Anlage 18'446 kWh, verbraucht 3'808 kWh selbst und speist 14'638 kWh ein. Der Jahresnutzen liegt bei CHF 2'079 gegenüber CHF 1'478 beim 10-kWp-Süddach, ein Plus von CHF 601 pro Jahr.
Dazu kommt die Förderung. Die Einmalvergütung besteht aus einem Grundbeitrag pro Anlage und einem Leistungsbeitrag pro Kilowatt-Peak. Sie hängt nicht von der Ausrichtung ab, sondern von der installierten Leistung. Doppelt so viel Leistung heisst also näherungsweise doppelter Leistungsbeitrag. Seit dem 1. Januar 2025 gibt es zusätzlich einen Neigungswinkelbonus von CHF 400 pro kW für steil angestellte integrierte Anlagen und CHF 200 pro kW für angebaute und freistehende Anlagen. Wie gross Ihre Anlage überhaupt sein sollte, hängt aber am Verbrauch und nicht am Dach, wie wir im Beitrag zur richtigen Anlagengrösse gezeigt haben.
Der Speicher macht den Ost-West-Vorteil kleiner, nicht grösser
Ein verbreiteter Denkfehler lautet: Ost-West plus Speicher sei die perfekte Kombination. Die Rechnung sagt das Gegenteil. Ein Speicher löst genau das Problem, das Ost-West ebenfalls löst, nämlich die zeitliche Lücke zwischen Produktion und Verbrauch.
Dasselbe Haus mit einem 10-kWh-Speicher: Die Südanlage hebt ihren Eigenverbrauch von 28.6 auf 50.2 Prozent und kommt auf einen Jahresnutzen von CHF 1'974. Die Ost-West-Anlage steigt von 36.9 auf 58.0 Prozent, landet aber wegen der kleineren Gesamtproduktion nur bei CHF 1'742. Der Abstand wächst damit von CHF 127 auf CHF 232 pro Jahr.
Der Speicher holt für das Süddach mehr heraus, weil dort mehr ungenutzter Überschuss vorhanden war. Bei Speicherkosten von CHF 600 bis 1'000 pro Kilowattstunde nutzbarer Kapazität ist das eine Rechnung, die man vor dem Kauf macht und nicht danach. Die vollständige Betrachtung steht in unserem Beitrag Batteriespeicher 2026.
Die 70-Prozent-Regel trifft Süddächer stärker
Seit 2026 gilt für neu installierte Wechselrichter unterhalb von 1'200 Metern über Meer eine Einspeisebegrenzung von 70 Prozent der installierten Modul-Nennleistung am Anschlusspunkt. Die Vorgabe greift auch dann, wenn bei einer bestehenden Anlage ein Wechselrichter ersetzt wird. Der zulässige Produktionsverlust ist auf maximal 3 Prozent der Jahresproduktion begrenzt, in der Praxis liegt er meist unter einem Prozent.
Simuliert man ein Zürcher Dach über ein volles Jahr, überschreitet die Südanlage die 70-Prozent-Schwelle in rund 340 Stunden. Die Ost-West-Anlage überschreitet sie in keiner einzigen Stunde, weil ihre Spitzenleistung nie so hoch wird. Begrenzt wird ohnehin nur die Einspeisung ins Netz und nicht die Produktion, aber der Puffer ist beim Ost-West-Dach von Natur aus grösser. Was die Regel technisch bedeutet, steht in unserem Beitrag zur 70-Prozent-Einspeisebegrenzung.
Im Winter gewinnt Süden deutlich
Hier muss man ehrlich sein, gerade gegenüber Haushalten mit Wärmepumpe. Im Winterhalbjahr ist der Nachteil von Ost-West grösser als im Jahresschnitt. Von November bis Februar liefert das Süddach mit 30 Grad 201 kWh pro kWp, das Ost-West-Dach nur rund 120 kWh pro kWp. Das sind gut 40 Prozent weniger in genau der Zeit, in der die Wärmepumpe am meisten Strom zieht.
Wer sein Dach frei anstellen kann, hat hier einen Hebel. Ein Süddach mit 45 Grad statt 30 Grad bringt bei praktisch identischem Jahresertrag 223 kWh pro kWp im Winter, also 11 Prozent mehr. Im Winter fliesst der Solarertrag ohnehin fast vollständig in die Wärmepumpe, weshalb sich die Kombination trotz der geringen Mengen lohnt, wie wir im Beitrag zur Kombination von Solaranlage und Wärmepumpe gezeigt haben.
Wo Sie wohnen, verschiebt die Rechnung
Die genannten Werte gelten für das Mittelland auf rund 420 Metern über Meer. Dort drücken Nebel und Hochnebel den Winterertrag stark, während über 1'500 Metern praktisch keine Nebeltage auftreten. Alpine Anlagen erreichen im Jahr rund das 1.5-fache einer vergleichbaren Anlage im Flachland, im Winterhalbjahr von Oktober bis März steigt der Unterschied auf das Drei- bis Fünffache. Im Tessin liegen die Erträge unterhalb von 1'000 Metern über Meer wegen der vielen klaren Tage am oberen Ende der Schweizer Werte. Als Faustregel fürs Mittelland gilt ein Energieertrag von 200 kWh pro Quadratmeter Modulfläche und Jahr.
Wer es genau wissen will, prüft das eigene Dach auf sonnendach.ch. Das Portal des Bundes kombiniert Gebäudemodelle von swisstopo mit Klimadaten von MeteoSchweiz und weist für jede Dachfläche Grösse, Ausrichtung, Neigungswinkel und Einstrahlung aus. Berücksichtigt wird auch die Verschattung durch Gelände, Nachbargebäude und Bäume, was in Hanglagen und dicht bebauten Quartieren der entscheidende Faktor ist.
Flachdach: hier ist Ost-West meist die richtige Antwort
Auf dem Flachdach ist die Neigung frei wählbar. Üblich sind 10 bis 15 Grad, weil steilere Aufständerungen mehr Windlast erzeugen, mehr Ballast benötigen und grössere Reihenabstände erfordern. Bei 15 Grad liefern Ost- und Westflächen in Zürich 953 und 962 kWh/kWp, also mehr als bei 30 Grad. Ein Südfeld mit 15 Grad kommt auf 1'086 kWh/kWp.
Den Ausschlag gibt aber die Flächenausnutzung. Südreihen müssen so weit auseinanderstehen, dass sie sich im Winter nicht gegenseitig verschatten. Ost-West-Reihen stehen Rücken an Rücken und brauchen kaum Abstand. Auf derselben Dachfläche lässt sich damit deutlich mehr Leistung installieren, was den tieferen spezifischen Ertrag mehr als ausgleicht. Für Mehrfamilienhäuser und Gewerbebauten mit Flachdach ist Ost-West deshalb meist die wirtschaftlichere Lösung.
Was das für Ihre Entscheidung heisst
Die Ausrichtung ist 2026 kein Ausschlusskriterium, sondern eine von mehreren Stellschrauben:
- Süddach mit ausreichend Fläche: Bauen Sie darauf. Bei gleicher Leistung bleibt Süden vorn, im Winter deutlich.
- Ost-West-Dach: Kein Grund zu zögern. Belegen Sie beide Flächen. Der höhere Eigenverbrauchsanteil kompensiert einen guten Teil der 19 Prozent Ertragseinbusse.
- Süddach mit knapper Fläche: Prüfen Sie, ob die Ost- oder Westseite zusätzlich belegt werden kann. Zusätzliche Kilowatt-Peak bringen auch bei schlechterer Ausrichtung mehr als leere Ziegel.
- Wärmepumpe im Haus: Steiler anstellen, wenn möglich. 45 Grad statt 30 Grad kostet nichts an Jahresertrag und bringt 11 Prozent mehr Winterproduktion.
- Speicher geplant: Separat durchrechnen. Auf einem Ost-West-Dach bringt er weniger zusätzlichen Eigenverbrauch als auf einem Süddach.
- Norddach: Mit 57 Prozent des Süd-Ertrags nur in Ausnahmefällen sinnvoll, etwa bei sehr grosser freier Fläche und tiefen Montagekosten.
Rechnen Sie mit Ihrem Verbrauchsprofil, nicht mit einer Faustregel. Ein Haushalt, der tagsüber leer steht, hat eine ganz andere Ost-West-Bilanz als eine Familie im Homeoffice mit Elektroauto in der Garage. Die Ausrichtung bestimmt die Form der Produktionskurve, erst Ihr Verbrauch bestimmt, was diese Kurve wert ist.
Wir rechnen Ihre Anlage so durch, wie wir sie der eigenen Familie verkaufen würden, mit Ihrem Lastprofil, Ihrer Dachfläche und den Tarifen Ihres Netzbetreibers. Wenn etwas nicht aufgeht, sagen wir Ihnen das. Gespräch vereinbaren unter freestate.ch/de/contact.
Quellen: Bundesamt für Energie BFE (Referenz-Marktpreise gemäss Art. 15 EnFV vom 14. Juli 2026, sonnendach.ch), ElCom (Strompreise 2026), Swissolar (Photovoltaik-Grundlagen, Neuerungen 2026), VSE (Branchenempfehlung zur Einspeisebegrenzung, Abnahmevergütung ab 2027), Pronovo (Einmalvergütung), PVGIS 5.3 des Joint Research Centre der EU-Kommission (Ertragsberechnungen für den Standort Zürich mit 14 Prozent Systemverlusten). Stand: August 2026. Angaben ohne Gewähr.



