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Stromrechnung 2027: Warum die Energie sinkt, die Abgaben aber bleiben

9 min de lectureIvan Miric
Stromrechnung 2027: Warum die Energie sinkt, die Abgaben aber bleiben

Am 12. August 2026 hat der VSE seine Stellungnahme zur neuen Stromreserveverordnung eingereicht. Das klingt nach Verbandspolitik, betrifft aber einen Posten auf jeder Schweizer Stromrechnung, den kein Anbieterwechsel wegnimmt. Kurze Antwort auf die Frage, warum Ihre Rechnung 2027 weniger stark sinkt als die Schlagzeilen über fallende Strompreise vermuten lassen: Von den 27.7 Rp./kWh, die ein Schweizer Medianhaushalt 2026 zahlt, sind nur 12.11 Rp./kWh Energie. Der Rest ist Netz, Messung und Abgaben, und der folgt anderen Regeln als der Grosshandelsmarkt.

Was der Medianhaushalt 2026 tatsächlich zahlt

Die ElCom hat die Tarife für 2026 am 9. September 2025 publiziert. Der Referenzhaushalt im Verbrauchsprofil H4, also 4'500 kWh im Jahr, zahlt 27.7 Rp./kWh. Das sind 1.3 Rp./kWh weniger als 2025, rund 4 Prozent, und ergibt eine Jahresrechnung von CHF 1'247 statt CHF 1'305.

Die Zusammensetzung ist aufschlussreicher als der Gesamtpreis. Die ElCom weist für 2026 folgende Medianwerte aus:

  • Energietarif: 12.11 Rp./kWh, ein Minus von 11.61 Prozent gegenüber 2025
  • Netznutzung: 10.75 Rp./kWh
  • Messtarif: 1.65 Rp./kWh, rund CHF 74.40 pro Jahr beim Referenzverbrauch
  • Abgaben an das Gemeinwesen: 1 Rp./kWh, unverändert
  • Netzzuschlag: 2.3 Rp./kWh, ebenfalls unverändert
  • Stromreserve: 0.41 Rp./kWh, nach 0.23 Rp./kWh im Vorjahr
  • Solidarisierte Kosten: 0.05 Rp./kWh, neu ab 2026

Zur Lesart: Diese Medianwerte stammen aus den Tarifblättern von rund 590 Netzbetreibern und werden je Position separat gebildet, ergeben in der Summe also nicht exakt 27.7 Rp./kWh. Die Grössenordnung zeigt trotzdem das Entscheidende: Die Energie macht weniger als die Hälfte des Preises aus. Der Messtarif ist dabei keine neue Belastung, er war bisher im Netznutzungstarif enthalten.

Der Teil, der 2027 billiger wird

Der VSE befragt jedes Jahr die Schweizer Energieversorger. Für 2027 wurden 323 Unternehmen angeschrieben, 75 antworteten, 35 konnten bereits konkrete Tarife nennen. Ergebnis der Umfrage vom 29. Juni 2026: Der Median für H4-Haushalte liegt bei diesen Versorgern für 2027 bei 26.6 Rp./kWh, nach 28.6 Rp./kWh für 2026 und 33.0 Rp./kWh für 2024.

Die Rückgänge fallen je nach Kundengruppe unterschiedlich aus: 6 Prozent im Median für H4-Haushalte, 3 Prozent für kleinere H2-Haushalte, 7 Prozent im Gewerbeprofil C3 und 4 Prozent in C4. Treiber ist der Energietarif, der je nach Versorger um 6 bis 15 Prozent nachgibt. Die Netztarife bleiben stabil.

Der Grund ist bekannt: Die teuren Beschaffungsverträge aus 2022 und 2023 laufen aus. Rund 75 Prozent der befragten Versorger beschaffen langfristig, weshalb der Preisausschlag nach dem Iran-Krieg im Februar 2026 in den Tarifen kaum sichtbar wurde.

Der Teil, der bleibt

Die zweite Hälfte der Rechnung bewegt sich anders. Der Netzzuschlag liegt seit Jahren bei 2.3 Rp./kWh und bleibt dort. Er fliesst in den Förderfonds für erneuerbare Energien, den Pronovo im Auftrag des Bundes verwaltet und aus dem die Einmalvergütung Ihrer Anlage bezahlt wird. Verfügbar sind daraus maximal rund 1.38 Milliarden Franken pro Jahr. Die Abgaben an das Gemeinwesen von im Median 1 Rp./kWh legen Gemeinde und Kanton fest, nicht der Netzbetreiber.

Die Netznutzung mit 10.75 Rp./kWh ist der grösste Posten nach der Energie. Diese Kosten steigen tendenziell, weil Wärmepumpen, Ladestationen und dezentrale Einspeisung mehr Netz brauchen. Eine sinkende Kilowattstunde am Grosshandelsmarkt ändert daran nichts.

Die Stromreserve: neue Verordnung, gleiche Rechnung

Der Bundesrat eröffnete am 15. April 2026 die Vernehmlassung zur Stromreserveverordnung, die Frist lief bis zum 5. August 2026. Die Bestimmungen treten voraussichtlich am 1. Juli 2027 in Kraft und lösen die Winterreserveverordnung ab, die während der Energiekrise 2022/23 als Notlösung erlassen wurde. Verankert hat das Parlament die Reserve im Juni 2025 im Stromversorgungsgesetz.

Die Reserve besteht aus drei Instrumenten: der Wasserkraftreserve, bei der Speicherseen Energie für den Notfall zurückhalten, der thermischen Reserve mit Reservekraftwerken, Notstromgruppen und Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen, und neu einer verbrauchsseitigen Reserve, bei der Grossverbraucher ihren Verbrauch im Ernstfall vertraglich senken. Eine Speicherreserve bleibt als Option offen.

Der VSE trägt das Konzept mit, verlangt aber Korrekturen. Statt Wasserkraftbetreiber zu verpflichten, sollen wettbewerbliche Ausschreibungen zum Zug kommen, weil eine Pflicht in die Eigentumsrechte eingreift. Die Entschädigungsmethodik soll angepasst werden, und für die verbrauchsseitige Reserve fordert der Verband klarere Vorgaben und mehr Vorlaufzeit.

Für Ihre Rechnung zählt, was das kostet. Die Reserve wird über das Übertragungsnetz verrechnet. Swissgrid publizierte die Tarife 2027 am 17. März 2026: Der Tarif für die Stromreserve sinkt von 0.41 auf 0.17 Rp./kWh, für einen Vierpersonenhaushalt also von rund CHF 18 auf CHF 8 im Jahr. Gleichzeitig steigt der Zuschlag für solidarisierte Kosten von 0.05 auf 0.19 Rp./kWh, von rund CHF 2 auf rund CHF 8. Darin stecken Netzverstärkungen in unteren Netzebenen sowie die Überbrückungshilfe für Eisen-, Stahl- und Aluminiumproduzenten.

Unter dem Strich sinkt die gesamte Swissgrid-Belastung 2027 von 0.73 auf 0.55 Rp./kWh, beim Vierpersonenhaushalt von rund CHF 64 auf CHF 54. Ein Posten wird kleiner, ein anderer grösser, übrig bleibt eine Bewegung von zehn Franken im Jahr. Wer auf sinkende Abgaben wartet, wartet auf Rundungsdifferenzen.

Warum Ihre Gemeinde mehr zählt als der Landesdurchschnitt

Der Medianpreis von 27.7 Rp./kWh beschreibt kaum einen realen Haushalt. Zwischen dem günstigsten und dem teuersten Ort der Schweiz liegen 2026 rund 34 Rp./kWh. Am billigsten bleibt Zwischenbergen (VS) mit 9.64 Rp./kWh, am teuersten ist neu Kestenholz (SO) mit 43.61 Rp./kWh.

Auf Kantonsebene liegen Zug mit 22.94 Rp./kWh, Uri mit 23.89 Rp./kWh und Nidwalden mit 24.16 Rp./kWh vorne. Am teuersten ist 2026 der Kanton Schaffhausen.

Für die Solarrechnung ist das entscheidend, denn der Wert einer selbst verbrauchten Kilowattstunde entspricht dem Preis, den Sie sonst zahlen würden. Dieselbe Anlage auf demselben Dach ist in einem teuren Netzgebiet deutlich wirtschaftlicher. Wer eine Wirtschaftlichkeitsrechnung mit dem Landesmedian bekommt statt mit dem Tarif des eigenen Netzbetreibers, bekommt eine Rechnung, die für ihn nicht gilt.

Was eine Kilowattstunde Eigenverbrauch 2027 wert ist

Nehmen wir eine 10-kWp-Anlage auf einem Einfamilienhaus im Mittelland. Swissolar rechnet bei Anlagen unter 30 kW mit rund 950 kWh pro kWp und Jahr, also 9'500 kWh Jahresproduktion. Ohne Speicher liegt die Eigenverbrauchsquote typischerweise bei 30 Prozent: 2'850 kWh ersetzen Netzbezug, 6'650 kWh gehen ins Netz.

Der selbst verbrauchte Teil ist mit dem Endpreis bewertet. Bei 26.6 Rp./kWh, dem Medianwert der VSE-Prognose für 2027, ergibt das CHF 758. Der eingespeiste Teil hängt vom Netzbetreiber ab: auf dem Niveau von ewz, das 2026 durchschnittlich 12.91 Rp./kWh vergütet, CHF 859. Wo wie bei EKZ die gesetzliche Mindestvergütung von 6 Rp./kWh plus Herkunftsnachweis-Zuschlag von bis zu 3 Rp./kWh gilt, rund CHF 599.

Der Jahresertrag liegt also bei CHF 1'357 bis 1'617. Rund CHF 260 Unterschied allein durch den Wohnort, bei identischer Anlage.

Wichtiger als die Summe ist das Verhältnis. Eine selbst verbrauchte Kilowattstunde bringt 26.6 Rappen, eine eingespeiste zwischen 9 und 12.91 Rappen. Faktor 2.1 bis 3.0. Zählt man die verbrauchsabhängigen Positionen ohne Energie zusammen, also Netznutzung, Netzzuschlag, Abgaben, Stromreserve und solidarisierte Kosten, landet man beim ElCom-Median 2026 bei rund 14.5 Rp./kWh. Selbst wenn die Energie gratis wäre, bliebe eine selbst verbrauchte Kilowattstunde mehr wert als die meisten Einspeisevergütungen. Das ist der eigentliche Grund, warum Eigenverbrauch in der Schweiz funktioniert.

Mit Speicher: die Rechnung im zweiten Schritt

Ein Batteriespeicher hebt die Eigenverbrauchsquote im Einfamilienhaus typischerweise von rund 30 auf etwa 55 Prozent, also auf 5'225 kWh Eigenverbrauch und 4'275 kWh Einspeisung.

  • Eigenverbrauch: 5'225 kWh zu 26.6 Rp./kWh ergibt CHF 1'390
  • Einspeisung im ewz-Szenario: 4'275 kWh zu 12.91 Rp./kWh ergibt CHF 552
  • Einspeisung im Mindestvergütungs-Szenario: 4'275 kWh zu 9 Rp./kWh ergibt CHF 385

Der Jahresertrag steigt damit auf CHF 1'775 bis 1'942, ein Plus von CHF 325 bis 418. Bemerkenswert ist die Richtung: Der Speicher bringt dort mehr, wo die Einspeisevergütung tiefer ist. Dieser Jahresvorteil muss den Anschaffungspreis tragen, gerechnet gegen die Garantiedauer. Die Details stehen in unserem Beitrag zu Batteriespeichern und ihrer Wirtschaftlichkeit.

Ab 2027 zählt die Stunde, nicht das Quartal

Parallel ändert sich die Vergütungsseite. Ab dem 1. Januar 2027 richtet sich die Abnahmevergütung nach dem stündlichen Day-Ahead-Spotmarktpreis zum Zeitpunkt der Einspeisung, nicht mehr nach dem quartalsweise gemittelten Referenz-Marktpreis. Der Spotpreis wird täglich bis 18 Uhr für jede Stunde des Folgetags publiziert. Beschlossen hat das Parlament die Änderung im Herbst 2025.

Für die dynamische Vergütung braucht es ein intelligentes Messsystem. Bestehende Anlagen ohne Smart Meter müssen vom Netzbetreiber spätestens ab dem 1. Januar 2028 dynamisch vergütet werden. Anlagen unter 150 kW erhalten zusätzlich einen Investitionsschutz in Form einer Mindestvergütungsprämie.

Praktisch heisst das: Der Sommermittag, wenn alle Anlagen gleichzeitig produzieren, wird schlechter bezahlt, Winterabend und Morgenstunden besser. Das Modell haben wir im Beitrag zur Solarstromvergütung nach Spotmarktpreis ab 2027 beschrieben, und wie die Mindestvergütung 2026 in der Praxis wirkt, zeigt unsere erste Bilanz zur neuen Vergütung.

Was das für Ihre Anlage heisst

Planen Sie auf Eigenverbrauch, nicht auf Einspeisung. Der Faktor zwischen beiden liegt bei 2 bis 3 und wird sich mit der stündlichen Vergütung eher vergrössern. Wärmepumpe, Boiler und Wallbox in die Mittagsstunden zu verschieben kostet nichts ausser einer Zeitschaltung.

Betrachten Sie die Anlagengrösse zusammen mit dem künftigen Verbrauch. Wer die Ölheizung ersetzt oder ein Elektroauto anschafft, hebt die Eigenverbrauchsquote deutlich. Eine Anlage, die heute zu gross wirkt, kann in drei Jahren richtig dimensioniert sein. Die Herleitung steht in unserer Faustformel zur Anlagengrösse.

Prüfen Sie dynamische Tarife auf der Bezugsseite. Seit 2026 dürfen Netzbetreiber solche Modelle anbieten. Wer Speicher, Wärmepumpe und Ladestation steuern kann, verdient auf beiden Seiten.

Vor dem nächsten Angebot sollten vier Zahlen auf dem Tisch liegen:

  • Ihr Endpreis pro kWh aus dem aktuellen Tarifblatt, inklusive aller Abgaben
  • Die Rückliefervergütung Ihres Netzbetreibers, fixer Jahrestarif oder Marktpreis mit Mindestvergütung
  • Ihre realistische Eigenverbrauchsquote aus Ihrem Lastprofil, nicht aus einem Branchendurchschnitt
  • Die Einmalvergütung für Ihre Anlagengrösse, erklärt in unserer Übersicht zu KLEIV, GREIV und HEIV

Was wir Ihnen nicht versprechen

Sinkende Strompreise sind für eine Solaranlage kein gutes Zeichen, auch wenn sie den Haushalt entlasten. Fällt der Median von 27.7 auf 26.6 Rp./kWh, sinkt der Wert der 2'850 selbst verbrauchten Kilowattstunden unseres Beispiels von CHF 789 auf CHF 758. Das sind CHF 31 weniger im Jahr, und über zwanzig Jahre summiert sich so etwas.

Der Rückgang ist real, aber klein, weil er nur die Energiekomponente betrifft. Wer eine Anlage kauft, weil ihm jemand dauerhaft steigende Strompreise vorgerechnet hat, kauft auf einer wackligen Annahme. Wer sie kauft, weil die nicht-energetischen Bestandteile seines Tarifs stabil bei rund 14 bis 15 Rappen liegen und Eigenverbrauch genau diese vermeidet, steht auf festerem Grund.

Es gibt auch Fälle, in denen es nicht aufgeht: ein kleines Dach in einem Netzgebiet mit tiefem Endpreis, ein Haushalt mit niedrigem Verbrauch und einer Eigenverbrauchsquote unter 20 Prozent, dazu starke Verschattung. Das rechnet sich auch mit Einmalvergütung nur knapp. Diese Einschätzung gehört in eine seriöse Offerte und kommt selten hinein. Was passiert, wenn man die Vergütungsseite unterschätzt, zeigt unser Rückblick auf den Rückliefertarif-Schock 2026.

Anfang September 2026 publiziert die ElCom die definitiven Tarife für 2027. Dann lässt sich rechnen statt schätzen. Wir rechnen Ihre Anlage so durch, wie wir sie der eigenen Familie verkaufen würden: mit Ihrem Tarifblatt, Ihrer Rückliefervergütung und Ihrem tatsächlichen Verbrauch. Wenn etwas nicht aufgeht, sagen wir Ihnen das. Melden Sie sich unter freestate.ch/de/contact.

Quellen: ElCom, Elektrizitätstarife 2026 (9. September 2025); VSE, Strompreisumfrage 2027 (29. Juni 2026) und Stellungnahme zur Stromreserveverordnung (12. August 2026); Swissgrid, Tarife 2027 (17. März 2026); Bundesrat, Vernehmlassung Stromreserveverordnung (15. April 2026); Pronovo, Herkunft der Fördergelder; Swissolar, spezifischer Ertrag; EKZ und ewz, Rückliefertarife 2026. Stand: August 2026. Angaben ohne Gewähr.

IM

Ivan Miric

Free State AG

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